gesehen: Wonder Woman


© Warner Bros. Ent.

Story


Vor ihrem Siegeszug als Wonder Woman wurde die Amazonenprinzessin Diana zu einer unüberwindlichen Kriegerin ausgebildet. Sie wuchs in einem abgelegenen Inselparadies auf – erst von einem notgelandeten amerikanischen Piloten erfährt sie von den fürchterlichen Konflikten im Rest der Welt. Daraufhin verlässt sie ihre Heimat, weil sie überzeugt ist, dass sie der bedrohlichen Situation Herr werden kann. In dem Krieg, der alle Kriege beenden soll, kämpft Diana an der Seite der Menschen, entdeckt allmählich ihr volles Potenzial … und ihre wahre Bestimmung.


Kritik

 

Die Bürde, die "Wonder Woman" auf ihren Schultern trägt, ist wahrlich keine leichte. Seit mehr als 75 Jahren eine absolute Ikone, in meinen Augen der mit Abstand beste Teil von "Batman V Superman: Dawn of Justice" und generell schon im Voraus im Internet in der Kritik (denken wir mal an die elende Diskussion, Gal Gadot wäre zu schmächtig für die Rolle ...). Doch bereits die Trailer deuteten darauf hin, dass hier in den sicheren Händen von "Monster" Regisseurin Patty Jenkins etwas Großartiges entstehen würde. Und wieder wurde Gezeter laut. Man wäre ja quasi verpflichtet, den Film zu mögen. Blablabla, Feminismus und Repräsentation und weiß der Geier. Dann verlief der US Start mehr als nur erfolgreich, er brach Rekorde. Mit gemischten Gefühlen ging ich also zur Pressevorführung. Ich erwartete einen guten DC Film mit einer tollen Hauptdarstellerin. Aber ich bekam so viel mehr. Lest selbst.

Antiope (Robin Wright) im Kampf. © Warner Bros. Ent.
Die erste halbe Stunde spielt auf der Amazoneninsel Themyscira. Dort wächst Diana (Lilly Aspell, herrlich entschlossen und neugierig) unter den wachsamen Augen ihrer Mutter Hippolyta (Connie Nielsen) auf. Hier fällt der erste Bruch zum bisherigen Output der DC Filme auf. Die Farben sind hell, freundlich, satt und leuchtend. Die Insel wirkt lebendig, aber interessanterweise nicht märchenhaft entrückt. Ein Trend, der sich im Verlauf des Films fortsetzen wird. Auf entsättigte Bilder wartet man als Zuschauer jedenfalls vergeblich. Stattdessen fällt im ersten Kennenlernen mit den Amazonen eine beinahe unglaubliche Vielfalt auf. Zahlreiche Ethnien, Altersgruppen und Körpertypen sind auf Themyscira vertreten, und in einer ersten Trainingsmontage lässt sich deutlich erahnen, dass man gegen diese Ladies lieber nicht ins Feld ziehen will. In einem realen Kampf zeigt sich dann auch, wie tödlich die Amazonen sind. In eindrucksvollen Zeitlupen wird klar, dass das Training seinen Zweck erfüllt. Doch nicht nur das, auch die Rüstungen der Amazonen sind eher von praktischem Nutzen und weniger purer Eye-Candy. Ich jedenfalls könnte besonders Robin Wright (ja, richtig gelesen) ewig und drei Tage dabei zusehen, wie sie in Zeitlupe kämpft. Fast schon wirkt der Kampfstil der Amazonen wie ein sorgsam studierter Tanz, jede Bewegung sitzt, alles erfüllt einen Zweck, und im Ensemble liegt die wahre Kraft. Kleinere Momente, wie die Entstehung der Amazonen, die in ihrer visuellen Pracht an die Gemälde von Caravaggio erinnern, reichern den Auftakt weiter an.

Themyscira. © Warner Bros. Ent.
Auch in späteren Kampfszenen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges wird von dieser Technik Gebrauch gemacht, und es ist durchaus passend. Den Kämpfen wird dadurch nicht etwa Tempo genommen, wenn überhaupt, dann wirken sie eindrücklicher. Eine ruhige Kamera komplettiert den guten Eindruck, so dass jederzeit Klarheit über das räumliche Geschehen herrscht. Besonders positiv bleibt die No Man's Land Sequenz im Gedächtnis, in der wir Wonder Woman das erste Mal wirklich in Action sehen. Der große Finalkampf fällt dagegen fast schon ein bisschen ab, markiert er doch eine Art Rückfall in den überschüssigen Bombast, der schon "Man of Steel" und "Batman V Superman" befallen hatte. So wirkt die letzte halbe Stunde ein wenig so, als hätte sich hier das Diktat eines Studios durchgesetzt, das nach wie vor glaubt, düsterer Weltendende-Bombast wäre exakt das, was das Publikum wieder und wieder serviert haben will. Das ist tatsächlich aber schon fast der einzige Kritikpunkt, der sich anbringen lässt, und selbst so hat das Finale noch einige Momente, in denen ruhigere und schwerwiegendere Töne angeschlagen werden. Und dem symbolträchtigen Moment, in dem Wonder Woman in einem tosenden Meer aus Flammen vollends zu sich selbst findet, den kann man trotz der Kritik am Bombast schwerlich einfach als langweilig abtun. Durch den Film hindurch bleibt sogar noch Zeit für einige wirklich humorvolle Einlagen, die das Geschehen einerseits auflockern, andererseits aber auch zum Aufbau von Welt und Charakter einer Amazone beitragen, die ihre ersten Berührungen mit der Welt der Sterblichen macht.

Wonder Woman ist bereit. © Warner Bros. Ent.
Das Alles funktioniert vor allem auch, weil die Darsteller durch die Bank weg zu Höchstformen auflaufen. Allen voran natürlich Gal Gadot, die in der Rolle aufgeht. Natürlich nimmt man ihr das Kehrseitentreten vollends ab, und Wonder Woman in all ihrem Zorn ist ein wahrlich glorreicher Anblick. Doch es sind die kleinen Momente, in denen klar wird, dass mehr in ihr steckt. Die späte Erkenntnis, dass die Menschheit sich vielleicht aus eigenem Antrieb in einen Krieg stürzt, der Millionen von Toten nach sich zieht, ist ein herzbrechender Moment, eben weil Gadot so nuanciert spielt. Und ihre zwischenzeitlich aufkommende, pure Freude im Angesicht von Dingen, über die sie bisher nur gelesen hat, geht ebenfalls zu Herzen. Es ist eine Art kindlicher Naivität, dieser unerschütterliche Glaube an das Gute, der Wonder Woman zu mehr macht als nur dem Stereotyp, der "starken (ergo langweiligen) Frau".

Die weitaus größere Überraschung stellt allerdings Chris Pine als Steve Trevor dar. Seine Figur erinnert vor allem beim ersten Aufeinandertreffen an den Prinzen aus "Arielle", doch er fügt sich schnell in die für ihn vollkommen fremde Welt der Amazonen ein. Er kämpft mit ihnen, er diktiert nicht. Im Schlagabtausch mit Diana werden beinahe schon nebenbei Geschlechterrollen diskutiert, und Steve entpuppt sich als perfekter Begleiter für die Amazone. Beide lernen voneinander, und noch wichtiger: Beide respektieren sich. Er redet ihr nicht in ihre Pläne, sie lässt ihn und sein Team arbeiten. Beide wissen, wozu der andere in der Lage ist. Natürlich sind sie umeinander besorgt, und es entwickelt sich ganz langsam eine Liebesgeschichte. Doch sie begegnen sich zu jeder Zeit auf Augenhöhe und mit einem Maß an Respekt, das seinesgleichen sucht. Chris Pine spielt dann auch auf der ganzen Bandbreite von selbstsicher bis an sich selbst zweifelnd, und ich habe ihn bisher noch nie so gut gesehen, er läuft absolut zur Hochform auf. Ebenso überzeugend sind seine Begleiter, die alle ein überzeugendes Motiv für ihre Anwesenheit in diesem Krieg bekommen und so in Erinnerung bleiben.

Wonder Woman (Gal Gadot) und Steve Trevor (Chris Pine) wollen den Krieg beenden. © Warner Bros. Ent.
Auch in Sachen Bad Guys ist der Film überdurchschnittlich gelungen. Danny Huston als General Ludendorff (basierend auf einer realen Gestalt) kommt zwar daher wie der absolute Durchschnitt, hat aber eine oder zwei wirklich sadistische Spitzen, die im Gedächtnis bleiben. Interessanter, weil vielschichtiger, ist die von Elena Anaya gespielte Dr. Maru alias Dr. Poison. Sie verbirgt Teile ihres Gesichtes hinter einer zerbrechlich wirkenden Maske und geht voll und ganz in ihrer Arbeit auf. Es wird niemals ganz deutlich, was ihr zugestoßen ist, in dieser Hinsicht bleibt sie etwas blass. Doch in ihr laufen zwei spannende Aspekte zusammen. Einerseits scheint sie von Rache getrieben, sie zeigt außerordentlich verstörende Freude im Angesicht des Leides, welches sie anrichtet. Andererseits, und das wird in einer der ruhigeren Szenen mit ihr deutlich, ist sie in erster Linie Wissenschaftlerin, und die Art der Zerstörung, die sie anrichtet, ist das Ergebnis ihrer Genialität. Sozusagen Wissenschaft, um die Grenze der eigenen Fähigkeiten auszutesten. Es ist ein spannender Twist in Sachen Bösewichte, die sonst ja einfach häufig böse sind, weil es eben im Drehbuch steht. Was wäre für sie wohl möglich gewesen, wenn sie unter anderen Umständen hätte forschen können, weit ab von der Umgebung des Krieges?

Wonder Woman (Gal Gadot) wird mit den Schrecken des Krieges konfrontiert. © Warner Bros. Ent.
Inszenierung und Darsteller überzeugen also schon mal. Auch der Soundtrack von Rupert Gregson-Williams liefert ordentlich Drive ab, auch wenn man auf das mittlerweile fast schon legendäre Wonder Woman Theme im Film eine ganze Weile warten muss. Doch er fängt auch die ruhigen Momente passend ein und verleiht ihnen zusätzliche Schwere und Dramatik. Abseits davon ist "Wonder Woman" sowohl fest in der Geschichte der "Justice League" verankert, gleichzeitig aber auch ganz eindeutig eine Origin Story. Doch sie erfasst den Charakter vollumfänglich und lässt zu keiner Zeit Zweifel daran aufkommen, dass es hier vor allem um zutiefst menschliche Themen geht.


Fazit


"Wonder Woman" erfüllt die Erwartungen, die an sie gestellt wurden, voll und ganz. Der Film atmet den Geist seiner Vorlage, die Inszenierung ist zielsicher und eigenwillig, die Darsteller durch die Bank weg überzeugend. Eine Origin-Story, die ihrer Figur gerecht wird, inspirierend, visuell eindrücklich und in manchen Momenten überwältigend schön und dabei stets aufrichtig. Trotz kleiner Schwächen im dritten Akt mit Abstand der erfrischendste Eintrag im weitläufigen Feld der Superhelden seit langem.

Infos zum Film


Originaltitel: Wonder Woman
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Abenteuer, Comicverfilmung
FSK: 12
Laufzeit: 141 Minuten
Regie: Patty Jenkins
Drehbuch: Allan Heinberg, William M. Marston, Zack Snyder, Jason Fuchs
Darsteller: Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Connie Nielsen, David Thewlis, Elena Anaya, Lucy Davis, Danny Huston, Ewen Bremner u.a.
 

Trailer

 

Kommentare:

  1. Eine Kritik, wie aus dem Bilderbuch. Sachlich, konzentriert, mit Überzeugung und Begeisterung. Danke für diese Kritik zu einem wohl sehr unterschätzten Film des DC-Universe!

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    1. Vielen Dank für die lieben Worte. Ich hab mich um Sachlichkeit bemüht, tatsächlich sass ich die meiste Zeit im Kinosaal und war einfach so überwältigt, dass ein paar Tränen geflossen sind. Die kleinen Kritikpunkte verzeih ich dem Film gerne, die nächsten 2 Kinobesuche sind schon geplant :)

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  2. Ich kann dieser begeisterten Kritik nur zustimmen. Dieser Düsterlook den Zack Snyder in den ersten beiden DCEU-Filmen etabliert hat, war nicht das Wahre. WONDER WOMAN hingegen könnte - betrachtet man nur den Look und die Narration - auch ein Marvelfilm sein. Ich hätte nie gedacht, dass mir Chris Pine in der Rolle gefallen würde, aber diese Gesichtsentgleisungen als Reaktion auf Dianas Ansichten sind einfach göttlich. Ich habe aber das starke Gefühl, dass der nächste Film - JUSTICE LEAGUE - wieder düster und dreckig wird. Hier für Snyder wieder Regie und der kann nicht aus seiner Haut.

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    1. Zumindest die Post Production der Justice League übernimmt ja Joss Whedon, Snyder hat sich ja aus persönlichen Gründen vorerst zurückgezogen. Mal sehen, was dabei herumkommt. Wobei ich die Dinge, die bisher bei DC nicht rund gelaufen sind, nicht mal Snyders Regie ankreiden würde, ich mag seinen Stil eigentlich. Da stimmen einfach andere Dinge in meinen Augen nicht, die mit Wonder Woman weitestgehend umschifft wurden. Aber selbst da kommt ja am Ende wieder dieses Doomsday Feeling auf. Es bleibt spannend bei DC, ich wünsch denen wirklich, dass sie auf einen grünen Zweig kommen.

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