gelesen: Kill your Friends von John Niven

© Heyne Hardcore

Nachdem schon der gleichnamige Film hier zu seiner Besprechung kam, möchte ich euch das zugehörige Buch von John Niven natürlich nicht vorenthalten. Bühne frei also für einen richtig derben Tritt in die unteren Regionen des Körpers.

Das steht drin



Steven Stelfox ist A&R-Manager in einer großen Plattenfirma, immer auf der Suche nach dem nächsten Hit, immer am oberen Level. Doch als die Erfolge ausbleiben, greift er zu radikalen Mitteln. Plötzlich verwandeln sich die guten Freunde in Todfeinde. In einer Welt, in der sich die Protagonisten krampfhaft über Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll definieren, gerät sein Leben zunehmend außer Kontrolle.




Kritik


Wer sich mal die Mühe gemacht hat, zwei Sekunden via Google über mich zu recherchieren, der weiß: Ich arbeite aktuell bei einer Lokalzeitung. Dort betreue ich unter anderem die Kulturseite, und dort haben wir wöchentlich eine Band aus der Region. Sie wird dort vorgestellt, meistens wenn sie ein neues Album (oder ihr erstes Album) herausbringt, auf Tour geht, irgendsowas. Für die Bands ist das jeweils toll: Sie kommen in einer Printzeitung vor, die den Lesern einfach in den Briefkasten gesteckt wird. Die Kulturseite kommt, und hier tun sich Abgründe auf, frühestens irgendwo in der Mitte der Zeitung. Bis dahin sind die meisten Leser wohl schon ausgestiegen. Über das Alter der Leser wollen wir gar nicht erst diskutieren. Trotzdem ist es meine Aufgabe, beinahe wöchentlich (manchmal übernimmt eine Kollegin die Aufgabe) irgendeine hoffnungsvolle Band oder einen hoffnungsvollen Musiker zu finden. Das ist meine magere Connection zum Musikbusiness. Was, zum Teufel, hat dieses Gelaber mit "Kill your Friends" zu tun?

Irgendwo auf den ersten Seiten des Buches widmet John Niven diesen Besprechungen eine ganze Seite seiner Aufmerksamkeit. Erklärt süffisant, dass sowieo nur Menschen jenseits der 65, die 100 Meilen entfernt vom nächsten, relevanten Plattenladen leben, diese kleinen Artikel lesen. Nun ja, wir teilen heutzutage natürlich noch via Facebook und Twitter, aber sind wir mal ehrlich: Die Medienkompetenz der meisten Menschen reicht gerade einmal bis zum Display ihres Smartphones. Ich könnte euch jetzt Romane darüber erzählen, wie Menschen das Gefühl haben, sie könnten die verdammte Zeitung abfotografieren, auf ihrem Facebookprofil posten und sagen "schaut hier, ich stehe in der Zeitung", während ein teilbarer, online verfügbarer und generell lesbarer Artikel irgendwo im Nirgendwo versandet. Ich sagte ja, mit der Medienkompetenz isses nicht so gut bestellt. #Neuland und so.
Nichts in "Kill your Friends" ist heilig.
Jedenfalls, an dieser Stelle resonierte "Kill your Friends" das erste Mal heftig in mir. John Niven arbeitete lange Zeit selbst in der Musikbranche, Gerüchte besagen er hat damals Coldplay abgelehnt. Finanziell ein Debakel, geschmackstechnisch mindestens streitbar. Vermutlich hat er auch seine Dosis Bret Easton Ellis gelesen, denn sein Debütroman erinnert schon ab und an mal an "American Psycho". Doch hier ist mehr Narrative, nicht nur eine ewige Aneinanderreihung von Namen, Marken, Bands. Dabei wird munterer Hass gegen alles und jeden kanalisiert. Steven Stelfox, unser gar nicht liebenswerter Protagonist, ist großzügig mit seinem Hass. Jede Musikrichtung, jede Art von Label und Künstler, jede Person, jede Ethnie, jedes Geschlecht, er findet Sie alle gleichermaßen scheisse. Damit muss man beim lesen klarkommen. So begleitet man Steven bei seiner Tour durch ein ganzes Jahr, mit Höhen, Tiefen, Exzessen, Drogen jeder Art, Sex und Mord. Dafür braucht man zwar einen festen Magen, aber erfrischend wenig Geduld. Denn das Buch liest sich rasend schnell und schnörkellos.

Wer sich nun gerne der Romantik des Britpop hingeben möchte, der ist hier an der falschen Adresse. Britpop starb 1997, in dem Jahr, in dem dieses Buch spielt. Ohne eine gewisse Basis an musikalischem Wissen aus dieser Zeit dürfte dem Leser hier einiges entgehen. Beispielsweise die pointierten Zusammenfassungen zu jedem Kapitelbeginn, die kurz rekapitulieren, was im entsprechenden Monat so los war. Stelfox schmeißt dabei, und das ist durchaus bemerkenswert, trotzdem mit einem Wissen um seine Szene um sich, und John Niven lässt seinem Protagonisten freien Lauf. Gebraucht hätte es diese American Psycho Einschläge mit sinnlosen Morden in dieser Melange vermutlich nicht. Dafür ist das grenzenlose Ego von Steven Stelfox allein unterhaltsam genug. Wer aber mal so richtig Hass auf ein Business fühlen will, der sollte zugreifen.


Fazit



Zartbesaitete, empfindliche Seelen sollten wohl eher einen Bogen um dieses Buch machen. Mit Steven Stelfox hat John Niven einen durch und durch unsympathischen, rassistischen, sexistischen Arschlochprotagonisten erschaffen. Einen, der einem immernoch beinahe täglich in Meetings, auf der Straße, bei Firmenevents über den Weg läuft. Ein Abstieg in die Welt des Musikbusiness, der einen mitreißt und am Ende gut durchgekaut wieder auf die nasse, dreckige und kalte Straße der Realität spuckt.

Fakten zum Buch


Kill your Friends von John Niven | Originaltitel: Kill your Friends | Verlag: Heyne Hardcore | erschienen am 11. Juli 2016  | Übersetzer: Stephan Glietsch | Softcover | 398 Seiten | 9,99 €

Kommentare:

  1. Tolle Kritik, hast du auch andere Werke von Niven gelesen?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bisher noch nicht, aber das werde ich mit Sicherheit noch ändern. Er hat einen ziemlich süffigen Stil, ist mal was ganz anderes :) Kannst du ein bestimmtes Buch besonders empfehlen?

      Löschen

Bitte seid nett zueinander. Beleidigungen jeder Art, Spam und Kommentare die nichts zum Thema beitragen werden entfernt.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...