Filmkritik: Nocturnal Animals


© Universal Pictures International

Story


Die Kunsthändlerin Susan Morrow (Amy Adams) führt in Los Angeles ein privilegiertes, aber unerfülltes Leben mit ihrem neuen Ehemann Hutton Morrow (Armie Hammer). Als dieser erneut zu einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen aufbricht, erhält sie ein Manuskript mit dem Titel NOCTURNAL ANIMALS, geschrieben von ihrem Ex-Ehemann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal), mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. In der beigefügten Notiz fordert Edward sie auf, das Buch zu lesen.

Der Roman ist Susan gewidmet, doch sein Inhalt ist brutal und niederschmetternd. Edward erzählt darin die Geschichte von Tony Hastings (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal), der mit seiner Familie durch Texas fährt und dort eines Nachts von Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) und dessen Gang von der Straße abgedrängt wird. Machtlos muss Tony dabei zusehen, wie seine Familie entführt wird und seine größten Ängste Wirklichkeit werden.



Kritik



Wenn ein Modedesigner sich entschließt, einen Film zu machen, dann kann sich der geneigte Zuschauer sicher sein, dass es stilvoll wird. Tom Ford bewies sein Geschick bereits bei "A Single Man", und nun hat er für "Nocturnal Animals" eine ganze Reihe hochkarätiger Darsteller vor der Kamera versammelt. Wer hätte schon mit einem Golden Globe für Aaron Taylor-Johnson gerechnet? Ich jedenfalls nicht, bevor ich diesen Film gesehen habe. Und kaum ein Film von 2016 ist so schwer zu besprechen, wie eben "Nocturnal Animals".
 Die Perfektion hat abgrundtiefe Risse. © Universal Pictures International
Tom Ford hielt sich beim Drehbuch an den Roman "Tony and Susan", der 1993 erschien und von Austin Wright verfasst wurde. Gleich der Auftakt könnte schon als riesiger, ausgestreckter Mittelfinger in die Gesichter all derjeniger interpretiert werden, die "A Single Man" wegen der wunderschönen, perfekten Figuren kritisierten. Eines muss man Ford lassen: Er weiß, wie er die Aufmerksamkeit seines Publikums in Sekundenbruchteilen einfängt. Danach entfaltet sich ein Drama auf mehreren Ebenen.

Amy Adams übernimmt dabei mit nahezu unbeschreiblicher Würde die Rolle in der Mitte dieser hochstilisierten Bühne. Ihr Charakter, Susan, hat oberflächlich betrachtet alles, was man sich nur wünschen kann. Doch unter dem schönen, glitzernden Anstrich brodelt die Einsamkeit. Der finanzielle Reichtum spiegelt sich in einem völlig generischen, seelenlosen Haus wieder. Ihr Ehemann erträgt ihre Nähe kaum und gibt sich keinerlei Mühe, seine Affären zu verbergen. Freunde hat Susan keine, und ihre Tochter ist weit weg. Ihr Unglück baut dabei, so entblättert es der Film nach und nach, in einigen Entscheidungen ihrer Vergangenheit.
Führen fragwürdige Methoden zum Ziel? © Universal Pictures International
Dies arbeitet "Nocturnal Animals" in verschiedenen Ebenen auf. Susan ist in der Gegenwart unzufrieden, in der Vergangenheit erfahren wir, wieso. Die Geschichte des Buches, die sich als Film im Film abspielt, spiegelt die Sicht auf die Geschichte aus den Augen des Autors und ihres Ex-Ehemannes Edward. Hier gibt vor allem das Ende des Filmes im Angesicht der im Buch erzählten Geschichte einigen Stoff zur Diskussion. Doch schon vorher finden sich Hinweise im ganzen Film versteckt, hauptsächlich in den Gemälden, die immer wieder im Bild auftauchen. Überhaupt, der Einblick in die Welt der Kunst ist, wie es auch schon bei Neon Demon der Fall war, kein besonders schmeichelhafter. Jeder gegen Jeden lautet die Devise, wer Pause macht, verschwindet. Da nimmt man als Mutter schon mal per App am Leben seines Neugeborenen teil, denn verschwinden will nun wirklich niemand. Kunst wird ins Groteske gezogen, schreit aus allen Poren "Fake" und treibt sich damit selbst auf die Spitze, immer höher und weiter hinaus.

Die Sogwirkung des Films offenbart sich dann auch gleich in mehreren Ebenen. Jede noch so heruntergekommene Hütte in den unendlichen Weiten von Texas sieht aus, als könnte sie für ein Shooting der Vogue hergerichtet worden sein. Unter unnachgiebigem Himmel spielt sich die Geschichte des Romans ab, und niemand gibt sich dort Mühe, das Unvermeidbare irgendwie schön zu reden. Nein, die perfekten Kulissen werden zum Schauplatz ekelerregender Gräueltaten, Kälte macht sich unter der strahlenden Sonne breit, die Schweißperlen rinnen wie kleine Falschaussagen über verzerrte Gesichter. Die Perfektion auf der stilistischen Ebene verhindert effektiv, dass sich zu sehr in die Geschichte eingefühlt werden kann. Der Zuschauer wird so zum Voyeur degradiert, dem schrecklich schönen Terror kann er nicht entkommen. Nach und nach werden die Verbindungen zu Susans Geschichte deutlich und sie kulminieren in einem Finale, welches Stoff zum Diskutieren liefert. Rollenbilder, Erfüllungsgehilfen, Schuld und Sühne werden von Ford mit dicken Pinselstrichen aufgetragen und sie verschmelzen zu einer schrecklich schönen Einheit.
Die Facetten der Hilflosigkeit. © Universal Pictures International
Untermalt wird all das von einem herrlich dissoziativen Soundtrack von Abel Korzeniowski. Wunderschöne Melodien, die man von ihm bereits aus Werken wie "Penny Dreadful" kennt, bekräftigen die verkehrte Welt, die sich da offenbart. Und in dieser geben die Darsteller ihr bestes. Jake Gyllenhaal spielt zwei Seiten der gleichen Figur in seiner Doppelrolle als ehemaliger, zu schwacher Liebhaber und hilfloser Familienvater. Seine Performance ist ergreifend und ungeheuer kraftvoll. Ihm zur Seite steht Michael Shannon in einer gewohnten Variante seiner herrlichen Art, jede Rolle einfach ins komplette Gegenteil zu verkehren. Sein abgehalfterter Sheriff ist höchst fragwürdig, sein Humor so tiefschwarz wie ein sternenloser Himmel. Aaron Taylor-Johnson läuft als Psychopath und strafende Instanz zur Höchstform auf und dürfte dem einen oder anderen Zuschauer nachhaltig Angstschauer über den Rücken laufen lassen. Amy Adams hat wohl die undankbarste Rolle, unterkühlt und dennoch verletzlich. Alles liegt in ihrem Blick, Adams nuanciert diese Blicke so fein, dass man genau hinschauen muss, um die zarten Regungen zu spüren. Stil mag hier an erster Stelle stehen, doch "Nocturnal Animals" ist ein hypnotisches Werk geworden, dem man sich so leicht nicht entziehen kann.


Fazit



"Nocturnal Animals" ist ein hypnotisches Werk geworden, dessen Bann sich wie ein Netz um den Zuschauer spannt, bevor die Schlinge zugezogen wird. Beklemmend gute Darstellerleistungen treffen auf durchgestylte Kulissen, unter deren Glamour die Maden nur so zu wimmeln scheinen. "Nocturnal Animals" liefert Stoff für Diskussionen, zeigt die Intimität des Leseaktes und spinnt eine Rachegeschichte, deren Wucht sich erst im weiteren Verlauf der Geschichte entfalten kann. Sicherlich einer der interessantesten Filme der letzten Jahre, der den Wunsch erweckt, mehr Designer würden sich im Filmbusiness umschauen.

Infos zum Film


Originaltitel: Nocturnal Animals
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Thriller, Drama
FSK: 16
Laufzeit: 117 Minuten
Regie: Tom Ford
Drehbuch: Tom Ford
Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Aaron Taylor-Johnson, Michael Shannon, Isla Fisher, Armie Hammer u.a.
 

Trailer

 

 

Kommentare:

  1. Das Ende ist tatsächlich diskussionswürdig. Bin mir auch immer noch nicht im Klaren, was genau die endgültige Aussage sein soll. Aber "Nocturnal Animals" ist eh ein Film, der zu einer mehrmaligen Sichtung einlädt, ja sogar zwingt...

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    1. Absolut, ich denke in dem kann man sich so richtig verlieren und sich dran abarbeiten. Freu mich schon, wenn der fürs Heimkino kommt.

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  2. Ich muss den glaub ich echt noch mal sehen, um tatsächlich zu wissen, was ich davon halten soll. Die Begeisterung der meisten teile ich leider nicht. Ich denke, Tom Fords Stil ist mir doch zu unterkühlt - ich hatte auch mit "A Single Man" auf der stilistischen Ebene schon meine Probleme. Deinen letzten Satz, mehr Designer sollten sich beim Film umschauen, würde ich also erstmal nicht unterschreiben ;) Aber schöne Review natürlich, toll geschrieben und formuliert!

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    1. Dankeschön :) In dem wirklich vollbesetzten Kino, in dem ich war, wurde der auch extrem gemischt aufgenommen, wobei die negativen Stimmen da schon überwogen haben. Ist auch wieder so ein Film, wo ich absolut verstehen kann, wenn man ihn nicht so mochte.

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