Filmkritik: Kikis kleiner Lieferservice

© Universum Film GmbH
Story: Dies ist die Geschichte der kleinen Hexe Kiki, die sich gemäß der uralten Hexentradition mit ihrem schwarzen Kater Jiji aufmacht um ein Jahr lang alleine an einem anderen Ort zu leben, damit sie dort ihre Hexenkräfte vervollkommnen kann.
Ihre neue Wahlheimat ist eine große Stadt am Meer, wo sie durch einen glücklichen Zufall bei einer Bäckerfamilie eine Unterkunft findet. Das Haus wird Dreh- und Angelpunkt ihres ersten eigenen kleinen Lieferservices, der nach ein paar Startschwierigkeiten sehr gut läuft. Allerdings macht Kiki die Einsamkeit in der Großstadt und die Tatsache, dass sie anders ist als andere Kinder schon bald zunehmend Probleme.

Kritik: "Kikis kleiner Lieferservice" ist Hayao Miyazakis erstes Werk innerhalb des Studio Ghibli nach "Mein Nachbar Totoro" gewesen, und auch wenn es keine direkte Fortsetzung von Totoro ist, so könnten beide Filme doch Geschwister im Geiste sein. Denn wo Totoro sich der Kindheit annimmt erinnert Kiki uns alle daran, wie sich der Beginn der Pubertät angefühlt hat. 

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Dabei ist die Geschichte an sich simpel. Kiki folgt einem alten Brauch und zieht mit 13 Jahren für ein Jahr in eine fremde Stadt, um ihre Zauberkräfte zu vervollständigen. Hayao Miyazaki erschafft hier erneut eine fantastische Welt, in der beide Weltkriege niemals stattgefunden haben und in der Hexen etwas Alltägliches sind. Das Ausblenden der Weltkriege führt vor allem bei den Fortbewegungsmitteln zu wunderschönen Anachronismen, und typisch für Miyazakis Werke wird dem Fliegen als ultimative Form der Freiheit in vielerlei Hinsicht große Bedeutung beigemessen. Tombo, der übereifrige Junge und Verehrer von Kiki könnte sicher als Parallele zu Miyazaki selbst interpretiert werden, denn Kikis Fähigkeit zu fliegen ist was ihn zunächst zu ihr hin zieht. Wie auch bei Totoro steht also auch hier eine junge Frau im Mittelpunkt, doch während bei Totoro zwei Mädchen langsam eine magische Welt kennen lernten reist Kiki von einer magischen Welt in eine Welt in der Magie nicht ganz so alltäglich ist. Hier setzen nun verschiedene Erzählebenen ein. 

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Zum einen wäre da eine kindgerechte Geschichte. Kiki lernt im Verlauf des Films an sich zu glauben, in ihre Kräfte zu vertrauen. So weit, so gut, eine wirklich besondere Angelegenheit ist das nicht, denn diese Form der Erzählung lässt sich vermutlich in jedem beliebigen Disneyfilm ebenfalls finden. Interessanter wird es, wenn man sich eine Schicht tiefer begibt. Dort beginnt "Kikis kleiner Lieferservice", Jugendliche anzusprechen. Kiki wird von außen sozusagen in die Unabhängigkeit gezwungen, gleichzeitig ist sie getrieben vom Willen sich zu behaupten. Sie muss ihren Platz in einer Welt voller Erwachsener finden. Sie spürt, dass sie nicht zu den anderen Kindern passt, die ihr Kindsein noch in vollen, lauten Zügen genießen. In gewisser Weise zahlt Kiki den Preis, den wir alle gezahlt haben als wir erwachsen wurden: die Kindheit in all ihrer Unbeschwertheit wird immer mehr zu einer Erinnerung. Gleichzeitig kämpft sie dafür das tun zu können, was sie liebt. Als Erwachsener sind all dies Dinge an die man sich erinnert, doch Kiki wohnt noch eine weitere Ebene inne. Mit ihrem Lieferservice macht sie nicht nur schöne Erfahrungen, einige Kunden sind extrem unfreundlich zu ihr. Der Alltag und die Routine schleichen sich ein und zehren im wahrsten Sinne des Wortes an ihren Kräften. Streng genommen ist Kikis Leben nichts Besonderes: es gibt keine magische Prophezeiung die ihr ein großes Schicksal vorhersagt. Sie ist keine Nachfahrin einer berühmten Persönlichkeit, es gibt kein Erbe welches sie antreten könnte. Kiki ist, zumindest in ihrer magiedurchzogenen Welt, ein ganz normales Mädchen. Ein Mädchen, das sehr schnell lernt dass der Arbeitsalltag größtenteils aus Wiederholungen besteht, garniert mit unfreundlichen Menschen. Ein Alltag, in dem aufmunternde Worte einer fremden Person schnell mal zum Highlight der Woche werden können. 

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Ungewöhnlich, zumindest für westliche Zuschauer, dürfte auch die Tatsache sein dass es in Kikis Welt nichts wirklich Böses gibt. Sicher, einige Menschen sind unfreundlich. Doch Kiki selbst ist immer freundlich und hilfsbereit, und auch ihre Umgebung reflektiert dieses Verhalten. Sie wird von Osono freundlich aufgenommen, und selbst Momente wie die erste Begegnung mit Ursula im Wald verlaufen positiv. Das Ausbleiben eines Antagonisten sorgt für ein gemächliches Erzähltempo, und würde man gemein sein wollen könnte man Kiki sicher vorwerfen langweilig zu sein. Aber dafür müsste man eben auch all die feinen Schichten unter der Oberfläche ignorieren. Und selbst dann würde noch immer eine wunderschön gezeichnete Welt voller feinsinnigem Humor bleiben. Besonders die teilweise vor Sarkasmus triefenden Kommentare von Kater Jiji (natürlich, stilgerecht für eine Hexe kohlrabenschwarz) sind wunderbar pointiert. Spuren von Melancholie sind ebenfalls zu finden, spätestens wenn Jijis Scharfzüngigkeit mit Kikis schwindender Kraft einem unverständlichen Miauen weichen muss leidet der Zuschauer mit. Und Kikis Konflikt mit der eigenen Bestimmung, oder vielmehr deren Ausbleiben, bietet leichte Identifikationsfläche für die meisten Zuschauer. Innerhalb dieser ruhigen Inszenierung fühlt sich nicht einmal der Showdown überladen an, er ist für Kiki nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Die Form der Bestätigung im Alltag, nach der sich so viele von uns sehnen. Ebenfalls subtil präsent ist die Entwicklung vom traditionellen hin zur Moderne. Kiki ist besonders zu Beginn der Geschichte mit Traditionen behaftet: sie übernimmt den Besen ihrer Mutter, sie kleidet sich, ganz wie die Hexentradition es verlangt, in schwarze Gewandung. Doch sie durchbricht diese starren Muster, bindet sich eine rote Schleife ins Haar und sticht so deutlich aus der Masse heraus. Gänzlich gebrochen wird hingegen das traditionelle Verständnis von Hexerei und Magie, die nur dem Selbstzweck dient und das Leben leichter macht. Kiki hat magische Kräfte, diese sorgen aber nicht dafür dass sie von Kummer und Problemen verschont bleibt. Das macht sie, trotz ihrer Fähigkeiten, zu einer extrem humanen Figur. Dazu trägt auch ihre Verletzlichkeit bei, die am Ende nicht als Schwäche ausgelegt wird, sondern Kiki hilft ihre Probleme zu überwinden. Es reicht eben nicht, eine besondere Fähigkeit zu haben. Man muss auch lernen, wie und wofür man diese einsetzen kann, um sich nicht selbst zu verlieren.

Fazit: Wie so oft wirkt "Kikis kleiner Lieferservice" oberflächlich betrachtet wie ein reiner Kinderfilm. Doch unter der gewohnt schönen Animation verbergen sich erneut zahlreiche Themen, die ein erwachsenes Publikum auf durchaus emotionale Art ansprechen. Der direkte Nachfolger von "Mein Nachbar Totoro" entpuppt sich als dessen logische Fortsetzung im Geiste, statt der unbeschwerten Kindheit steht nun die Adoleszenz mit all ihren Problemen im Fokus. "Kiki" ist dabei herzensgut und fliegt gemeinsam mit Katerchen Jiji geradewegs ins das Herz des Zuschauers. Ruhig, aber umso charmanter ist "Kikis kleiner Lieferservice" ein Film, der auf seine ganz eigene Weise zu begeistern weiß.  



Die Blu-ray: Gewohnt schick kommt die Studio Ghibli Blu-ray Collection aus dem Hause Universum Anime daher. Die Kanten des Pappschubers sind leider arg anfällig für Dellen und auch die FSK-Aufkleber lassen sich nicht immer rückstandslos entfernen. Doch die Optik ist überzeugend. Das Bild der Blu-ray ist scharf und die Farben wirken lebendig. Neben der japanischen Sprachfassung liegt natürlich auch die deutsche Tonspur bei (beide in DTS-HD MA 2.0), die Sprecher machen einen guten Job. Auffällig ist, dass Jiji in der Originalfassung deutlich weniger sarkastisch wirkt, da scheint man sich bei der amerikanischen Synchronisation (übrigens mit Kirsten Dunst als Kiki) orientiert zu haben. Untertitel in deutsch liegen ebenfalls vor. Besonders toll sind die Extras: 137 Minuten werden mit Storyboards zum kompletten Film gefüllt, obendrauf gibt es den japanischen Originaltrailer so wie weitere Trailer zu anderen Ghibli-Werken. Einen detaillierten Blick auf Ursulas Gemälde bekommt man ebenfalls.

Infos zum Film
Originaltitel: Majo no takkyûbin
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Minami Takayama, Rei Sakuma, Kappei Yamaguchi, Keiko Toda u.a. Deutsche Stimmen: Melina Borcherding, Jochen Bendel, Petra Einhoff u.a.

Trailer


Kommentare:

  1. Ein ganz wunderbarer, kleiner Film. Perfekt für einen Sonntags-Brunch ;)
    Leider kosten die BluRays zu den Studio Ghibli-Filmen meiner Meinung nach wie vor deutlichen zu teuer, auch wenn Qualität seinen Preis haben mag. Im Laden hatte ich die zuletzt für etwas mehr als 20€ gesehen....

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    1. Bei Amazon gibt es ein paar Filme schon für um 15€, manche gehen aber auch bis 25. Allerdings sind die da häufig im Angebot, und dann schlag ich immer direkt zu. Aber du hast Recht, so im Laden sind die heftig teuer, und vor allem hab ich bisher noch in keinem größeren Handel eine wirklich akzeptable Auswahl entdeckt. Da sind immer nur Mononoke, Chihiro und vielleicht noch Totoro zu finden. Animes sind aber irgendwie generell immer deutlich teurer als "normale" Sachen, ist schon ärgerlich.

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