Filmkritik: James Bond 007 - Spectre

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Nach "Casino Royale", "Ein Quantum Trost" und dem überaus erfolgreichen "Skyfall" kehrt Daniel Craig mit "Spectre" schon zum vierten Mal in der ikonischen Rolle des britischen Geheimagenten auf die Leinwand zurück. Sam Mendes führt nach "Skyfall" erneut Regie, auch Thomas Newman kehrt als Komponist wieder zurück. Es befinden sich also die gleichen Grundzutaten wie zu "Skyfall" im Topf, ergänzt wird durch einige schmackhafte Neuzugänge wie beispielsweise Kameramann Hoyte van Hoytema ("Interstellar). Nachdem die Teaser und Trailer schon eine Reise um die halbe Welt und die Rückkehr einer alten Organisation ankündigten dürfen sich ab dem 5.11.2015 nun die Fans zum bereits 24. Male zur weltberühmten Titelmusik in den Kinos einfinden. Doch ob der neue Bond überzeugen kann oder sich doch eher in die Abteilung "Durchschnitt" einreihen kann? Erfahrt es in der Kritik pünktlich zum Filmstart.



Story: Bond befindet sich auf einer privaten Mission in Mexiko, wo er pünktlich zum Tag der Toten einer Spur nachgeht. Diese führt ihn dann rund um die Welt, denn er ist einer geheimen Vereinigung namens Spectre auf den Fersen. In London muss M sich derweil mit der Zukunft in Form von Max Denbigh, auch C genannt, herumschlagen. Der will nämlich das Doppelnull-Programm beenden da er in der kompletten Überwachung der Welt eine bequemere Alternative sieht. Doch weiß Bond, auf welchen Gegner er sich eingelassen hat?
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Kritik: In gewisser Weise fühlten sich die bisherigen Filme wie ein Neuanfang für das Franchise an. Der Ton wurde zunehmend düsterer und Daniel Craig brachte eine ganz spezielle Art von Bond auf die Leinwand. Und während er zu Beginn in "Casino Royale" noch eine Figur war der man sich gut nähern konnte, verlor der ikonische Agent im Verlauf der letzten drei Filme beinahe alles, was ihn antrieb. Zuerst die Liebe seines Lebens, Vesper Lynd (Eva Green). Dann die vermutlich einzige Bezugsperson, M (Judi Dench). Mit jedem Verlust wurde Bond weniger emotional und immer distanzierter. Mit "Spectre" schließt sich dann auch der Kreis und wir erleben einen James Bond, dessen einzige Beschäftigung darin zu bestehen scheint zwischen Frauen und Morden zu pendeln. Der Versuch, über insgesamt vier Filme hinweg dabei eine neue Mythologie aufzubauen und alles irgendwie miteinander zu verbinden erinnert dabei stark an die aktuelle Welle an Superheldenfilmchen. Und vielleicht wäre es angebracht, Bond auch in die Reihe dieser Superhelden mit aufzunehmen.

"Spectre" beginnt dabei wirklich fulminant. Wenn Bond sich am Tag der Toten in einer minutenlangen Sequenz ohne sichtbare Schnitte durch die Menschenmassen, ein Hotel und über die Dächer der Stadt bewegt kann man sich der Sogwirkung dieser Technik kaum entziehen. Es folgt ein spektakulärer Kampf in einem fliegenden Helikopter, bevor dann für lange Zeit Ruhe einkehrt. Nun ist Hoyte van Hoytema durchaus ein verdammt guter Cinematographer, doch "Spectre" schafft es an vielen Stellen eher wie Posterwerbung für Parfüm auszusehen. Da wechseln sich imposante Landschaften und eindrückliche Sets rund um die Welt ab, aber so richtig in Erinnerung bleibt davon kaum etwas. Dazu mischt sich das Drehbuch, das in einigen wenigen Momenten zwar für zündende Dialoge sorgt, die meiste Zeit aber den Eindruck macht das zu viele Köche eben doch den Brei verderben. Immerhin, Fans der Serie "Sherlock" dürfen sich über eine astreine Performance von Andrew Scott freuen, und wenn selbst Bond später im Film lieber gefoltert wird als der ewig gleichen Nummer von Christoph Waltz zuzuhören hat das Drehbuch die Lacher auf seiner Seite. Doch ansonsten ist das alles hier überraschend freud- und lustlos. 

Das mag auch daran liegen dass die Erwartungen unnatürlich hoch waren. "Skyfall" entpuppte sich als vielschichtiges Meisterwerk und alle Beteiligten taten ihr Bestes um uns "Spectre" schmackhaft zu machen. Dave Bautista kokettierte mit einem gentleman-mäßigen Handlanger, die Freude war groß als mit Monica Belluci ein Bondgirl angekündigt wurde dass sich in Daniel Craigs Altersklasse befindet, und so weiter. Doch all das waren hohle Versprechungen. Belluci verkommt zur Matratze in einem Auftritt der keine fünf Minuten dauert. Bautista legt einen eindrücklichen ersten Auftritt hin, verkommt aber dann zum stumpfen Haudrauf-Kerlchen das zwischendurch mal böse grinsen darf. Léa Seydoux beeindruckt zunächst durch Selbstständigkeit, endet dann aber doch als das kleine Mädchen dass sich in den 20 Jahre älteren Spion verliebt, obwohl sie genau weiß wie gefährlich das doch alles ist. Es ist zum Haare raufen. Und selbst wenn man von Christoph Waltz in seiner ewig gleichen Rolle des redegewandten Bösewichts irgendwann mal die Schnauze voll hat: hier hat er definitiv zu wenig Szenen. In einem Twist der spätestens seit "Star Trek: Into Darkness" niemanden mehr überraschen wird offenbart sich eine geheime Identität, die dann aber aufs ärgerlichste ignoriert wird. Mit nur wenig mehr Leinwandzeit als Bellucci wirkt seine ganze Performance lustlos und jeder Art von Freude beraubt. Da hilft es auch nicht ihm nachher eine fiese Narbe ins Gesicht zu packen.
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Enttäuschend ist auch das permanent durchschimmert welches Potential der Film gehabt hätte. Besonders im Schlussakt gibt es so viele gute Ideen und Ansätze, die dann aber alle links liegen gelassen werden. Ein altes Gebäude kurz vor dem Zerfall, ein ominöser Schatten. Eine Art Kunstinstallation, gespiegelte Szenen, eine gruselige Folterszene: "Spectre" bietet solche Spielereien an allen Ecken und Enden. Aber nichts davon wird wirklich genutzt, es wird nichts unternommen um von der sicheren Mitte des Weges abzuweichen. Ein bisschen unwohl fühlen ist in Ordnung, aber am Ende wird das Publikum mit Samthandschuhen angefasst. Zum ersten Mal seit "Diamantenfieber" wird "Spectre" nach legalen Streitigkeiten als Organisation genutzt, und die Einsätze sind hoch. Doch alle Möglichkeiten die man gehabt hätte verpuffen wie fehlgezündete Sylvesterraketen im Wind. Während Blofeld also davon redet dass seine Organisation hinter allem steckt was wir in den bisherigen Filmen gesehen haben wird man als Zuschauer natürlich neugierig. Man will wissen WIE alles zusammenhängt. Stattdessen wird man mit ein paar, zugegebenermaßen schönen, Fotos von Mads Mikkelsen, Eva Green, Judi Dench und so weiter abgespeist. Man erfährt weder das warum noch das wieso. Und überhaupt entpuppt sich Blofeld nur als dümmliche Namensspielerei, deren einzige Rechtfertigung darin liegt das Daddy Oberhauser James Bond nach dem Tod seiner Eltern bei sich aufgenommen hat. Das hat dem kleinen Franz natürlich nicht gefallen weil er für eine Weile nicht mehr Daddys Liebling war, also gründet er eine Terrorrorganisation. Ernsthaft? Ich meine, ernsthaft?? So kann man natürlich einen der ikonischsten Bösewichte auch ruinieren, keine Frage. Es lässt auch Bond als ahnungsloses Opfer von Anschlägen auf seine Person dastehen, die aberhunderte von Opfern forderten, weil er nicht mitbekommen hat das Blofeld-Oberhauser sauer auf ihn ist. In einer Welt in der "Austin Powers" als Parodie auf Bond existiert kann es einfach keine gute Idee sein, die Parodie wieder ins Ernsthafte umkehren zu wollen. Der einzige Film mit Agenten, bei dem die Sache mit der schweren Kindheit eine legitime Angelegenheit war bleibt Pixars "Die Unglaublichen". 

Aber natürlich gibt es auch halbwegs erfreuliche Momente im Film. Q, Moneypenny und M bekommen endlich mal wirklich etwas zu tun, und alle Darsteller brillieren in ihren Szenen. Besonders Naomie Harris als Moneypenny ist herausragend gut darin, hinter Ralph Fiennes herzulaufen. Schade, dass man Bond dann trotzdem als Einzelgänger außerhalb dieses Teams etablieren muss, wo doch zahlreiche andere Filme gezeigt haben wie gut ein ausbalanciertes Team funktioniert. Die Idee eine Art lückenlose Überwachung einzuführen ist ein netter Wink in unsere Richtung und Andrew Scott ist, das kann man nicht oft genug sagen, die perfekte Mischung aus schleimig, fies und zeitweise sympathisch-verständnisvoll. Doch auch hier stellt sich am Ende die Frage wofür dass alles gut sein soll. Es wird nie deutlich was genau, außer "mehr Sicherheit" man sich von der Überwachung verspricht. Blofeld hat einen ganzen Raum voller Leute die Dinge für ihn überwachen, aber warum? Er will Informationen über alle Ländern, aber wofür? Das fühlt sich verdächtig nach einem Gegenspieler ohne konkreten Plan an, dementsprechend wird auch die Bedrohung die von ihm ausgehen soll niemals greifbar. Stellenweise sitzt dafür der Humor, aber es bleibt die Frage ob man sich einen Bond ansieht weil man gerne mal lachen will. Das ist dann auch symptomatisch für den ganzen Film. Es ist einfach zu viel von allem, aber zu wenig um wirklich relevant zu sein. Die Geschichte ist wirr und kaum durchdacht, der Gegner verkommt zur Witzfigur und am Ende steht man mit weniger in der Hand als zu Beginn. Die einzige Möglichkeit diese komplett verhagelte Geschichte irgendwie zu retten wäre vermutlich die Erklärung dass Oberhauser nur eine Attrappe war, dass der richtige Blofeld noch irgendwo da draußen ist und sich all dies als schlechter Scherz entpuppt.
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Fazit: Was hier am Ende bleibt ist ein oberflächlich schickes Produkt, dem aber bei genauer Betrachtung jede Substanz fehlt. Schlimmer noch, er betrügt die Vorgänger mit einer absolut logikbefreiten Geschichte. Statt hier zwei ebenbürtige Männer einander gegenübertreten zu lassen bringt man dümmliche " Papa hat ihn lieber als mich" Klischees mit rein. Statt Bond endlich mal zu der Figur werden zu lassen, die er sein soll, reißt "Spectre" nach den drei Vorgängern erneut alles nieder, damit man sich in den kommenden Filmen vermutlich die nächste Bond-Origin-Story ansehen darf. Statt Actionszenen zu drehen, die die Story voranbringen bewirft man den Zuschauer mit bedeutungslosem Beiwerk. Statt faszinierender Figuren bekommt man Darsteller die hier scheinbar mitmachen damit sie in Zukunft wieder Filme drehen können an denen sie Spaß haben, weil die Portokasse nun gefüllt ist. Nichts an diesem Film ist glaubhaft, nichts davon wird in Erinnerung bleiben. Außer vielleicht das Intro, dass nicht nur einen nichtssagenden Song mitbringt den man beim hören schon wieder vergisst, sondern auch verstörende Bilder die allerhöchstens Fans von Tentakel-Pornos irgendwie befriedigen dürften. Na vielen Dank auch. Ich fresse einen Besen wenn der nächste Film nicht damit beginnt dass Madeleine Swann stirbt und Bond dadurch irgendwie motiviert wird doch nochmal wiederzukommen.


Infos zum Film
Originaltitel: Spectre
Erscheinungsjahr:2015
Genre: Action, Thriller, Abenteuer
FSK: 12
Laufzeit: 148 Minuten
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Neal Purvis, John Logan, Jez Butterworth
Darsteller: Daniel Craig, Léa Seydoux, Monica Belluci, Christoph Waltz, Naomie Harris, Ben Whishaw, Ralph Fiennes, Andrew Scott, Dave Bautista, Rory Kinnear

Trailer

1 Kommentar:

  1. Erstmal ein Kompliment für deinen Schreibstil. "Moneypenny ist herausragend gut darin, hinter Ralph Fiennes herzulaufen." Find ich sehr unterhaltsam. Inhaltlich bin ich total bei dir. Christoph Waltz hat mich enttäuscht wie eigentlich so ziemlich jeder im Cast, naja, außer vielleicht Ben Whishaw und Ralph Fiennes. Die sind immer klasse. Die schlimmste Szene war meines Erachtens das Vor-dem-Spiegel-Geknutsche.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2015/11/06/james-bond-spectre-2015/
    Und hier die Kurzkrittiq: https://de.krittiq.com/review/_Dvxo-james-bond-007-spectre

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