Filmkritik: Das wandelnde Schloss

© Universum Film GmbH
Nachdem ich erst vor kurzem "Mein Nachbar Totoro" und "Prinzessin Mononoke" gesehen hatte und natürlich sofort hier besprechen musste ist es nun wieder Zeit für einen weiteren, zauberhaften Film des unverschämt kreativen Hayao Miyazaki und dem Studio Ghibli. Bei "Das wandelnde Schloss" handelt es sich um die Verfilmung des britischen Buches "Howl's Moving Castle" von Diana Wynne Jones, welches bereits 1986 erschien, aber eine besonders zum Ende hin ganz andere Geschichte erzählt. Wer gerne liest sollte sich das Buch und die beiden Nachfolger nicht entgehen lassen. Gleichzeitig eine Liebesgeschichte, ein Abenteuer und ein Portrait über das Leben in Zeiten des Krieges ist "Das wandelnde Schloss" ein Film, den man sich durchaus genauer ansehen sollte. Miyazakis neunter Film markiert auch eine Rückkehr zu klassischeren Themen wie Magie, gleichzeitig ist es nach "Kikis kleiner Lieferservice" die zweite Geschichte, die nicht komplett von ihm ausgedacht ist. Die Buchvorlage ist sogar nicht einmal japanisch, sondern, wie weiter oben erwähnt, britisch. 2006 war er für einen Oscar in der Kategorie "Bester Animationsfilm" nominiert, verlor aber gegen "Wallace und Gromit". Wieso der Film sich aber hinter keinem anderen verstecken muss, das erfahrt ihr in der Kritik. 

Story: Das Mädchen Sophie arbeitet als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Bei einem Besuch in der Stadt lernt sie zufällig den Zauberer Hauro kennen. Sie verliebt sich in ihn und wird daraufhin von einer eifersüchtigen Hexe mit einem Fluch belegt, der sie in eine alte Frau verwandelt. Sophie verlässt im Körper einer 90-Jährigen ihre Heimatstadt und zieht in die Ferne, um Hauro zu suchen und den bösen Fluch rückgängig zu machen. Schließlich findet sie ihn und arbeitet als Putzfrau in seinem geheimnisvollen "wandelnden Schloss", das Türen in vier verschiedene Welten und Zeiten öffnen kann. Feuerteufel Calcifer, der das Haus bewacht, und Hauros kindlicher Assistent Markl werden bald ihre Freunde - nur Hauro schenkt ihr kaum Beachtung. Als er jedoch vom König berufen wird, sein Land vor dem drohenden Krieg zu retten, übernimmt er Verantwortung. Sophies wachsende Liebe zu ihm vermag schließlich den Fluch zu lösen, sie beide zu retten und die Welt vor Zerstörung zu bewahren...
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Kritik: Reden wir doch zunächst über das visuelle. Für "Das wandelnde Schloss" wurde beispielsweise das Schloss selbst am PC animiert, die Hintergründe wurden aber alle von Hand gezeichnet. Und es ist nur legitim wenn man das Schloss als eigenständige Figur bezeichnet. Aus sicher beinahe 100 Einzelteilen besteht es, die sich dauernd verändern. Wie eine riesige Maschine, an der nichts zusammenpassen will und gleichzeitig alles am richtigen Fleck sitzt wandert es durch die Landschaft. Die Innenräume verändern sich ebenfalls und generell quillt alles vor lauter Fantasie schier über. Die Landschaften um das Schloss herum laden zum Träumen ein und sehen teilweise wie frisch aus dem Louvre geklaut aus. Und dann wäre da noch die kleine Stadt, in der Sophie wohnt. Angelehnt an Städtchen wie Colmar gibt es hier charmante alte Häuser. Im starken Kontrast dazu steht die Stadt des Königs, die sehr modern wirkt. Selbst wenn der Film sonst nichts zu bieten hätte könnte man sich immer wieder in den wundervollen Bildern ergehen. Typisch für die Filme von Miyazaki ist auch, dass er die Bilder für sich sprechen lässt, keine Zeit damit verbringt dem Zuschauer genau zu erklären, was was ist. Stattdessen findet man sich sofort mitten im Geschehen wieder und darf selbst auf Entdeckungsreise gehen.

Doch natürlich ist es damit noch längst nicht getan. Für die Besprechung der Figuren im Film möchte ich die Buchvorlage außen vor lassen, denn die hätte durchaus ihre eigene Besprechung verdient. Wer weiß, vielleicht finden Bücher eines Tages den Weg in diesen Blog, wir werden sehen. Bis dahin ist wieder einmal faszinierend, wie wenig Miyazaki sich auf stumpfe schwarzweiß-Malerei verlässt. Statt der strikten Aufteilung in Gut und Böse, wie sie anderswo gern praktiziert wird, damit der Zuschauer ja nicht überfordert ist, gibt es hier Figuren in allen Schattierungen. Sie alle sind unterschiedlich, haben andere Beweggründe, handeln aber stets nachvollziehbar. Sophie ist als Figur ein interessanter Ansatz, da sie ihrer Jugend beraubt wird. Zwar ist es ein wenig schade dass man ihr andichten musste dass sie so wenig Selbstbewusstsein besitzt und sich als hässlich empfindet, doch sie ist dennoch eine sehr differenzierte Persönlichkeit, die für sich selbst und für andere einstehen kann. Klar, die Sache mit der inneren Schönheit ist mittlerweile irgendwie ausgetreten, doch Sophie ist ein gelungenes Beispiel für eine gekonnte Umsetzung der Thematik. Sie findet sich mit der Lage ab und nimmt das Entfluchen dann einfach selbst in die Hand, und sie ist ziemlich resolut bei der Sache. Ich habe besonders zum Beginn des Films wirklich gefürchtet dass man es hier mit einer dieser schrecklichen "toller Typ rettet graues Mäuschen, graues Mäuschen ist auf ewig dankbar" Geschichten zu tun hatten, aber davon wird man verschont. Ja, es geht darum sich gegenseitig zu retten, doch für eine Liebesgeschichte ist "Das wandelnde Schloss" erfrischend unkitschig. Auch wird schnell klar dass es viel weniger der Fluch der (spannend geschriebenen) Hexe ist sondern viel eher die Selbstzweifel Sophie einen Strich durch die Rechnung machen.
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Den Kontrast dazu bietet Hauro. Sein Ruf ist unterirdisch, die Frauen soll er reihenweise meucheln. Unglaublich eitel ist er, aber auch wankelmütig. Das Schloss passt sich seinen Stimmungen an und reflektiert diese nach außen hin. Dass es optisch eher heruntergekommen und ein wenig hässlich ist passt wie die Faust aufs Auge. Seine Magie nutzt Hauro sporadisch, er neigt aber zu einer Art Überdosis, die ihn dann auch konsequent erschöpft. Ein bisschen erinnert er an einen Junkie. Nur langsam erkennt er was er für Sophie empfindet, und diese Gefühle geben ihm einen Grund sich gegen den tobenden Krieg zwischen zwei Königreichen zu stellen. Im tiefsten Inneren wird auch ein magisches Wesen von Selbstzweifeln geplagt. Wer gerne interpretiert wird hier fündig, so gibt es zahlreiche Szenen die gekonnt mit der Thematik des Monsters im Menschen spielen. Im Schloss finden sie aber alle zusammen und eine sichere Ruhezone. Der aufmüpfige Feuerdämon Calcifer, der die ganze Angelegenheit zusammenhält und bitte nicht als Kochfeuer benutzt werden will. Der kleine Zauberlehrling Markl, der sich eigentlich nichts sehnlicher wünscht als eine Familie in einer Zeit, in der die Bomben scharenweise auf die Städte hinabregnen. Ebenfalls als Bewohner des Schlosses kann eine liebenswerte Vogelscheuche  gezählt werden, die unweigerlich an "Der Zauberer von Oz" erinnert. 

Statt sich nun aber einfach in einer Liebesgeschichte zu ergehen stehen andere Dinge im Vordergrund. Der sich ausbreitende Krieg wird weitflächig thematisiert und nimmt nach und nach mehr Platz innerhalb der Erzählung ein. Nun spielt der Film in einer fiktiven Welt, doch die Anleihen an vergangene Kriege unserer Welt sind nicht zu übersehen. Brisant ist ebenfalls, dass der Film erschien als der Irakkrieg tobte, doch was hier erzählt wird lässt sich prinzipiell auf jeden Krieg anwenden. Auffällig ist, dass keinerlei Szenen zu sehen sind, in denen jemand stirbt. Wir beobachten Hauro, wie er ins Gefecht fliegt, doch wir sehen ihn niemals töten. Dies gilt auch für alle anderen Kämpfe. Zwar werden nach und nach immer mehr Städte zerstört, und das sich ausbreitende Feuer sorgt für Unbehagen beim Zuschauer, doch die Bewohner scheinen jeweils zu entkommen. Hauro versucht den Konflikt so friedlich wie möglich zu lösen, durch Sabotage und Verwirrung.

Auch hier bieten sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten an. So werden beispielsweise die Zivilisten vom Bombenhagel heimgesucht während sie ungeschützt sind, die königlichen Paläste werden jedoch durch starke Magie geschützt. In vielen Szenen spricht "Das wandelnde Schloss" sich konkret gegen Kriege aus, ohne sich dabei aufzudrängen. Hier zeigt sich, wie effektiv der Film sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gemacht ist. Als Kind wird man sich vermutlich zu Beginn des Films nichts Schlimmes denken wenn Sophie von den beiden Soldaten angesprochen wird. Als Erwachsener weiß man, wo die wirklichen Absichten der beiden liegen. Diese Zweigleisigkeit funktioniert über weite Strecken des Films, erst gegen Ende hin verliert sie sich ein wenig im Sand. So erfährt man nicht, wieso es eigentlich Krieg gibt, die Geschichten fallen am Ende gemeinsam in ein eher unübersichtliches Durcheinander. Doch die Figuren sind da und tragen den Film gemeinsam auf ihren Schultern ins Ziel. Letzten Endes sind es, wie schon bei "Prinzessin Mononoke", zwei Hälften eines Ganzen, die zueinander finden und sich ergänzen. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik, denn es sind die menschlichen Momente, die Hauro seiner Menschlichkeit berauben. Dazu ist niemand hier ein typischer Held, und alle sind irgendwie auf der Flucht vor sich selbst. Das wäre an sich nicht sonderlich sympathisch, doch die Tatsache dass sie alle in ihrer Unsicherheit im Schloss zusammenfinden und sich dann entscheiden, es von nun an anders anzugehen hat etwas Befreiendes an sich. 
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Fazit: "Das wandelnde Schloss" ist vielleicht nicht ganz so komplex und gleichzeitig subtil wie die bisherigen Filme von Hayao Miyazaki. Die Geschichte hat weniger Zeit sich zu entfalten, die Figuren sind in vielerlei Hinsicht erwachsener als es in den anderen Filmen der Fall ist. Und trotzdem ist er visuell betörend, hat spannende Haupt- und vor allem Nebenfiguren, ergeht sich nicht in langweiligen Gut-Böse Schemen und stellt die Menschlichkeit in den Vordergrund. Abgerundet durch einen erneut zauberhaften Soundtrack von Joe Hisaiashi lädt auch "Das wandelnde Schloss" zum nachdenklichen Träumen ein. Vielleicht nicht der allerbeste Film des Studio Ghibli, aber ein durch und durch charmantes Abenteuer mit dem Herzen am rechten Fleck.


Infos zum Film

Originaltitel: Hauro no ugoku shiro
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Takuya Kimura, Tatsuya Gashuin, Chieko Baishô, u.a. Deutsche Stimmen: Robert Stadlober, Gerald Schaale, Sunnyi Melles u.a.

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