Filmkritik: Chihiros Reise ins Zauberland

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In dieser Kritik schauen wir uns einen wahren Meilenstein der jüngeren Filmgeschichte an. "Chihiros Reise ins Zauberland" kann nämlich auf eine ganz und gar eindrucksvolle Geschichte zurückblicken. Nachdem es unter anderem auf der Berlinale 2002 einen Goldenen Bären gab, gelang dem Film von Hayao Miyazaki auch der Sieg bei den Oscars für den animierten Film. Wohlgemerkt ist es der erste Anime und der erste nicht-englischsprachige Animationsfilm, dem diese Ehre zuteilwurde. Außerdem warf Chihiro in Japan Titanic vom Box-Office-Thron und nahm 200 Millionen Dollar ein bevor er auch außerhalb von Japan im Kino lief. Sowohl finanziell als auch bei Kritikern und Awardverleihungen war Chihiro also ein enormer Erfolg. Wie bei vielen Ghibli-Filmen war im Vertrieb außerhalb von Japan Disney stark involviert, und es war der heutige Disney-Kreativchef John Lasseter, der gemeinsam mit einem großen Team von Miyazaki-Anhängern bei Disney den Film synchronisieren ließ. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen Lasseter und Miyazaki, die unter anderem Thema einer ganzen Dokumentation ist. Zeit also, sich den Film mal genauer anzusehen. 


Story: Die zehn Jahre alte Chihiro ist gar nicht begeistert, mit ihren Eltern von Tokio in einen kleinen Vorort umzuziehen und dabei alle ihre Freunde hinter sich zu lassen. Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause verirrt sich die Familie und stößt dabei auf einen geheimnisvollen Tunnel. Sie wissen nicht, dass sich auf der anderen Seite des Tunnels die Zauberwelt Aburaya befindet - eine Welt, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Sie kommen in eine verlassene Stadt und finden ein leeres Restaurant, wo Chihiros Eltern sich gierig auf das Essen stürzen - und in Schweine verwandelt werden. Plötzlich erscheint ein geheimnisvoller Junge namens Haku, der Chihiro erklärt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ihre verzauberten Eltern zu retten: Sie muss in den Dienst der bösen Hexe Yubaba treten, die nicht nur die Zauberwelt von Aburaya beherrscht. Chihiro stellt sich dieser Herausforderung und macht sich auf eine Reise, auf der sie ungeahnten Mut, eine bisher nicht gekannte Willenskraft und Ausdauer beweisen muss.....
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Kritik: "Chihiros Reise ins Zauberland" erwischte mich auf völlig kaltem Fuß, denn ich wusste vorher nichts über die Handlung und den Inhalt. Also wurde ich kurzerhand in diese Welt hineingeworfen, und wie Chihiro musste auch ich mich erst einmal zurecht finden. Gleich zu Beginn fiel mir auf, wie rational Chihiro wirkt, und wie unvernünftig ihre Eltern eigentlich sind. Eine rare Angelegenheit, werden doch sonst immer die Kinder als die unvernünftigen portraitiert. Mit dieser Ausgangslage hatte der Film mich dann auch recht schnell um den Finger gewickelt, aber ich hatte ja keine Ahnung. Immer noch schwer von meiner disneygeprägten Kindheit geschädigt saß ich also 10, 15 Minuten lang hier und wartete auf die Katastrophe...

Die so natürlich nicht eintritt. Statt die Eltern brutal um die Ecke zu bringen wird ihre stark ausgeprägte Gier bestraft indem sie in Schweine verwandelt werden. Was sich aber, und das ist überraschend, so gar nicht ungerechtfertigt anfühlt, denn mal ehrlich: einfach so über fremdes Essen herfallen ist schrecklich unhöflich. Das lässt natürlich Chihiro mutterseelenallein und verängstigt zurück, doch am Ende handelt es sich auch hier um eine Coming of Age Geschichte, und so bricht das kleine Mädchen zu einer ganz persönlichen Reise auf. Und schon an dieser Stelle kam Freude auf, denn wenn ich eines mag, dann sind es Mädchen und Frauen, die sich nach einem Rückschlag aufraffen und allen Abenteuern und Gefahren trotzen. Und genau das macht Chihiro, begrenzt auf einen eigentlich sehr überschaubaren Raum, nämlich im Badehaus der Hexe Yubaba. 

Neben der Coming of Age Thematik finden sich hier auch zahlreiche andere Elemente, die in für Miyazakis Werken immer wieder durchschimmern, beispielsweise der Umweltaspekt, der durch den nahezu vergifteten und schrecklich stinkenden Besucher des Badehauses aufgegriffen wird. Besonders interessant ist bei Chihiro aber die auch in anderen Filmen vorkommende Zweiteilung zwischen kindgerechter Geschichte und Erzählung für Erwachsene. Oberflächlich betrachtet ist die Geschichte ja schnell erzählt: Chihiro muss sich nach einer Krise zusammenreißen und stark sein, wenn sie ihre Eltern wiedersehen will. Unterwegs findet sie ungewöhnliche Freunde, und am Ende wird natürlich alles gut. Doch unter diesem leicht bekömmlichen Dekor verbergen sich zahlreiche weitere Aspekte. Schält man die atemberaubenden und unfassbar detailreichen Bilder beiseite offenbart sich ein wahres Schatzkästchen. Das fängt schon damit an dass dem Kind die Zeit gegeben wird, zu trauern. Ihre Sorgen werden zumindest von einigen Bewohnern des Badehauses nicht einfach abgetan, und der reflektierte Umgang mit der Situation ermöglicht dem Mädchen, an der Lage zu wachsen.
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Für Chihiro steht im Badehaus, obwohl sie ihre Eltern retten will, sie selbst an erster Stelle. Nicht weil sie besonders egoistisch wäre, doch die Hexe Yubaba herrscht mit eiserner Hand über ihr Badehaus. Sie stiehlt ihren Mitarbeitern den Namen und ersetzt ihn durch einen simplen, nichtssagenden anderen. Nun gibt es viele Kulturen in denen die Besonderheit des eigenen Namens hervorgehoben wird, in denen es immer ein Zeichen von Macht ist wenn man den wahren Namen des Gegenübers kennt. Yubaba nimmt Chihiro und allen anderen Mitarbeitern Stück für Stück ihre Identität und lässt sie nach und nach vergessen wer sie sind. Auch optisch gleichen sich die Mitarbeiter, sind von der Bekleidung her nicht zu unterscheiden und auch die Statur ist ähnlich. Auch andere Probleme, die nicht nur am Arbeitsplatz auftreten können sind hier vorhanden. Chihiro erfährt Diskriminierung weil sie ein Mensch ist, die Frauen im Badehaus müssen sich widerliche Sprüche der Männer anhören. Es gibt nur Yubaba und das Wohl der Gäste, dem sich alle mehr oder weniger freiwillig verschreiben. No-Face mit seiner Maske und seiner Unfähigkeit sich zu artikulieren repräsentiert die unterste Stufe, denn der Zugang zum Badehaus ist ihm verwehrt und er trägt nicht einmal einen vereinfachten Namen. Kein Wunder will Yubaba ihm den Zugang verwehren, denn in seinem späteren Verhalten reflektieren sich all die unschönen Triebe und Wünsche, welche die anderen Besucher, die Arbeiter und die Besitzerin heimsuchen.

Diese Arbeiterthematik zieht sich bis in die Zugfahrt gegen Ende des Films hinein. Jeder, der schon einmal im Feierabendverkehr von der Arbeit nach Hause gependelt ist dürfte die leeren Gesichter kennen, die man in Bus und Bahn zu sehen bekommt. Wie die Geister im Film sind die meisten von ihnen gesichtslose Wesen die nachdenklich ins Nichts oder auf ihr Smartphone starren. In diesem Film wird diese Tristesse durch Chihiros Anwesenheit noch verstärkt, denn das alles fühlt sich für ein Kind einfach falsch an. Für Chihiro ist es ein Ausblick in eine unschöne Zukunft, für den erwachsenen Zuschauer ist es nur zu oft eine schmerzhafte Erinnerung an den eigenen Arbeitsalltag. Eigene Träume von dem Leben, welches man führen wollte, das nun aber in unerreichbarer Ferne liegt. Gedankenspiele nach dem Motto "was wäre wenn?", und man redet sich ein dass man, wie es in diesem Lied heißt, doch jederzeit die Sachen packen könnte und an Ferne Orte reisen kann. Aber am Ende bleibt man doch in seinem Alltag gefangen, freiwillig. Die Fahrt in die Nacht, die scheinbar ewig dauert ist extrem deprimierend und sie markiert den Abgang der Unschuld von der Bühne in den ruhigsten, umso mehr verstörenden Tönen. Es ist eine durch und durch beeindruckende Szene.
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Doch die Wiederherstellung der Unschuld lässt nicht auf sich warten. Die Rückreise auf Hakus Rücken, die Wiederentdeckung der Namen und somit auch das erneute aufkeimen der Unschuld werden durch den Fall symbolisiert, dem keiner der beiden mit Angst begegnet. Möglich dass die Kindheit irgendwann zu Ende geht, doch es ist niemals zu spät um ihr einen kurzen Besuch abzustatten, und es ist sicher nicht zu spät für Chihiro, den Weg zurück in die Unbeschwertheit zu finden. Hier kommt dann auch wieder das Thema der Identität ins Spiel, denn auch wenn sie sich an Haku erinnert, so ist die Erinnerung an sich selbst doch verblasst. Dies erklärt vielleicht auch ihre Reaktion auf die präsentierten Schweine, aus denen sie ihre Eltern heraussuchen soll. Da Chihiro sich aber nicht an ihr vorheriges Leben erinnern kann dürfte auch die Erinnerung an die Eltern fehlen. Es ist fraglich, inwieweit sie sich überhaupt an die Eltern erinnert, und eigentlich spielt es ja auch keine Rolle. Selbst wenn sie ihre Eltern nicht erkannt hätte, selbst wenn die Eltern anwesend gewesen wären, Chihiro hat eine gewisse Schwelle übertreten die ihr unbeschwertes altes Leben in gewisser Weise überflüssig gemacht hat. Sie wäre auch in Zukunft ohne ihre Eltern zurechtgekommen, so wie Haku, Lin und Kamaji eben auch irgendwie zurechtkommen. So wie wir alle irgendwie zurechtkommen. Der Trick ist, tief im inneren an der Person festzuhalten, die man als Kind war, während man durch das oftmals triste Dasein als Erwachsener navigiert.

Visuell ist das natürlich, wie gewohnt, absolute Spitzenklasse. Der Detailreichtum, die Vielzahl an skurrilen Figuren die scheinbar alle irgendwo in Miyazakis Kopf hausen und sich ab und an den Wegs auf das Papier bahnen, "Chihiros Reise ins Zauberland" kann man sich wieder und wieder anschauen, nur um auf Entdeckungsreise zu gehen. Das verwunschene Badehaus erinnert ein wenig an "Alice im Wunderland", nur noch ausschweifender. Da wird schnell mal eine Treppe ohne Geländer zu einer bedrohlichen Angelegenheit aus Kinderaugen, und selbst als Erwachsener ringt einem diese monströse Konstruktion Respekt ab. Einige Kreaturen, wie beispielsweise Kamaji mit seinen vielen, nach Bedarf unterschiedlich langen Armen kann man nur als verwunderlich bezeichnen. Jedes Mal wenn man davon ausgeht dass es nicht seltsamer werden kann kommt etwas Neues hinzu. Ein Schiff voller Geistermasken. Ein Zug, dessen Schienen unter Wasser liegen. Bis über den Bildrand hinaus ist das Zauberland bevölkert von Kreaturen, die einzigartig sind. Keine davon fühlt sich irgendwie geklaut oder ausgeliehen an. Das Badehaus präsentiert eine völlig abgeschlossene Welt in seinen vier Wänden, und das Innenleben scheint generell größer zu sein als die Außenhülle es vermuten lassen würde. Der Detailreichtum geht so weit, dass sich hunderte von Dingen im Haus finden lassen, die für die Geschichte völlig irrelevant sind. Aber sie sind da, machen das Haus lebendig und lassen einen wünschen, wenigstens für kurze Zeit auch auf Entdeckungstour gehen zu können. Die von satten Rottönen dominierte Farbpalette des Films ist unerschöpflich und komplettiert einen visuellen Stil, der mir bisher noch nie in dieser Form begegnet ist. Und weil all dies noch nicht reicht komponierte Joe Hisaishi erneut einen Soundtrack, dessen ruhige Töne allein dafür sorgen dass die Tränen fließen, während in aufregenden Momenten ein Gänsehautschauer den nächsten von den Zehen zum Scheitel und wieder zurück jagt.
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Fazit: Es ist immer so seltsam wenn man einen Film als perfekt bezeichnet. Doch wenn sich einer das verdient hat, dann "Chihiros Reise ins Zauberland". Mitreißend, tiefgründig, wunderschön animiert, versehen mit einem ergreifenden Soundtrack und so detailverliebt dass man ihn mehrmals hintereinander schauen kann und jedes Mal etwas Neues entdecken würde: Hayao Miyazaki ist mit diesem Werk etwas ganz, ganz Großes gelungen. Etwas, dessen vollen Umfang man so gar nicht in Worte fassen kann. 

Infos zum Film

Originaltitel: Sen to Chihiro no kamikakushi
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 125 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Rumi Hiiragi, Miyu Irino, Mari Natsuki,  Yumi Tamai u.a. Deutsche Stimmen: Sidonie von Krosigk, Tim Sander, Nina Hagen, Cosma Shiva Hagen u.a.

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