Aus aktuellem Anlass: sexualisierte Gewalt in "Game of Thrones"



Eines der glücklicheren Paare in "Game of Thrones" © HBO

Diejenigen unter euch, die „Game of Thrones“ aktuell mitverfolgen, dürften auch die Diskussion um die letzte Folge irgendwie miterlebt haben. Ohne spoilern zu wollen lässt sich sagen: Die Autoren änderten erneut die Buchvorlage, um eine Vergewaltigung unterzubringen. Dies stieß auf lebhafte Gegenwehr im Internet. Viele Anhänger der Serie haben nicht vergessen, dass bereits in der vierten Staffel eine ähnliche Szene für Kontroversen sorgte. Bei der damaligen Darstellung wurde eine weibliche Hauptfigur gezeigt, die sich wehrte, sowohl verbal als körperlich, und trotzdem zum Sex gezwungen wurde. Dass der Regisseur der betroffenen Folge sich äußerte und felsenfest davon überzeugt war, keine Vergewaltigung inszeniert zu haben, war Wasser auf die Mühlen der Seriengegner. Konsequenzen für die Charakterentwicklung hatte diese Szene übrigens keine. Auch hier handelte es sich um eine Abwandlung vom Buch, dort war die Szene zumindest nach anfänglicher Gegenwehr durchaus einvernehmlich. Kontrovers und problematisch? Sicher. Aber eben am Ende klar aufgelöst. 

Die Diskussion um solche Inhalte ist dabei nicht neu. „Game of Thrones“ ist nicht die einzige Serie, die davon betroffen ist. Eines der Hauptargumente der Befürworter in diesem Fall ist: Die Serie ist brutal, orientiert sich an historischen Gegebenheiten, sich zu diesem Zeitpunkt darüber zu beschweren ist zu spät, und andere Serien sind auch brutal, also reißt euch gefälligst zusammen. 

Nehmen wir „Hannibal“ oder „Sons of Anarchy“ dazu. Beide Serien sind brutal in ihrer Darstellung. Doch es gibt einen deutlichen Unterschied zu „Game of Thrones“. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer von uns mit einem Schwert bewaffnet gegen eine Horde Untoter antritt, ist verschwindend gering. Die Chance, dass ein Drache mein Haus in Flammen aufgehen lässt und meine Familie toastet ist ebenfalls gering. Die Chance, dass jemand uns erschießt, weil wir zu falschen Zeit am falschen Ort sind ist immer noch gering, aber doch deutlich höher als von einem Drachen angegriffen zu werden. Es mag sein, dass der Autor sich an historischen Gegebenheiten orientiert hat. Die Existenz von White Walkern muss mir trotzdem noch jemand nachweisen. Sexualisierte Gewalt hingegen, gegen Frauen wie Männer gleichermaßen, ist bittere, alltägliche Realität. Der unsensible Umgang mit einem Thema, dass viele Zuschauer durchaus traumatisieren kann, ist innerhalb der Serie mehrfach negativ aufgefallen. Nun werden einige argumentieren und sagen, dass die Storyline der weiblichen Figur ja vorangetrieben wird und sie von dem Charakter, der gezwungen wurde zuzusehen, gerettet werden kann. Doch ist es wirklich notwendig, eine weibliche Hauptfigur zu opfern, um eine männliche Nebenfigur zum Handeln zu bringen?  Der Fachbegriff für diesen Vorgang ist übrigens „fridging“, basierend auf einem Green Lantern Comic, in dem eine der Hauptfigur nahestehende Person ermordet in einem Kühlschrank aufgefunden wurde. Bereits dort diente das nur der Entwicklung der Hauptfigur. 
Auch ein glückliches Paar, zumindest für eine Weile © HBO
Ebenfalls hätte uns niemand beibringen müssen, was für ein mieser Kerl der Vergewaltiger war. Dies beweist er seit 2 Staffeln mehr als eindrücklich. Folter, Mord und Psychospielchen stehen den ganzen Tag auf dem Plan. Es hätte keine Vergewaltigung gebraucht um der weiblichen Figur (und dem Zuschauer) klar zu machen, um was für einen Kerl es sich handelt. Seine Familie hat darüber hinaus Teile ihrer Familie ermordet. Braucht man mehr Motivation, um sich rächen zu wollen? 

Bleibt das „Argument“, bisher hätte sich ja auch niemand beschwert, und alle die nun ihre Meinung äußern, sind elende Heuchler. Diese Argumentationsweise kommt vermutlich von Leuten, die nicht sehr viel Zeit damit verbringen, die Berichterstattung zu dieser Serie auch nur oberflächlich zu verfolgen. Die explizite Gewaltdarstellung, besonders aber auch der Umgang mit der sexualisierten Gewalt gegen die weiblichen Figuren stand seit Beginn der Serie in der Kritik. Und spätestens wenn gestresste Zuschauer sich mit „in einer Ehe gibt es sowas wie Vergewaltigung nicht“ oder „nur weil sie weint und schreit heißt das noch lange nicht, dass sie nicht will“  oder auch „stell dich nicht an, man hat ja nicht mal was gesehen“ (gerne in Verbindung mit dem Wunsch nach mehr nackten Brüsten der weiblichen Hauptdarsteller, egal wie jung diese sein mögen) herausreden wollen, sollte man alarmiert sein.

Aus dem tagtäglichen Umgang mit Opfern einer Vergewaltigung wird leider zu oft deutlich, dass dem Opfer häufig zumindest eine Teilschuld zugesprochen wird. Während einerseits oft darauf hingewiesen wird, sich im Falle einer Vergewaltigung nicht zu sehr zu wehren, da der Angreifer nicht noch provoziert werden soll, folgt daraus auf der anderen Seite oft die Anschuldigung, dass man sich ja "besser hätte wehren können, und vielleicht doch nicht so abgeneigt war?". Dieser Eindruck scheint sowohl in der Realität, als auch in der Fiktion, vorrangig zu herrschen, und er ist ein in meinen Augen sehr bedenklicher Teil der kompletten "rape culture". Die Akzeptanz dieses "victim blaming" ist erschreckend, und sie sollte auch von den Serienmachern angemessen adressiert werden. Denn momentan lässt die Reaktion vieler (nicht aller!) Zuschauer sehr, sehr tief blicken.
Kommen wir zurück zur Serie. Während argumentiert werden kann, dass Daenerys sich nach einem anfänglich unfreiwilligen Vollzug ihrer Ehe mit ihrer Situation auseinandersetze, die Zügel in die Hand nahm und sich zu einer selbstbewussten Frau entwickelte, blieb diese Entwicklung schon bei Cersei größtenteils aus. Und selbst wenn sich die letzte Hauptfigur im Bunde nun in einen Racheengel verwandelt und mit Hilfe ihres Bekannten den Laden aufräumt, so wird stets ein negativer Beigeschmack bleiben. Ich bin sicherlich die letzte Person die pauschal sagt, dass kein Mensch sich nach einer Vergewaltigung je erholen kann und als Überlebender gestärkt ins weitere Leben zieht. Doch im Serienkontext ist dies fragwürdig und problematisch, denn es wird niemals adressiert. Es wird abzuwarten bleiben, wie sich dieser Teil der Geschichte entwickelt, doch momentan sehe ich persönlich keine Lösung, die ich als akzeptabel empfinden würde. 
Ebenfalls ein glückliches Paar, bis... ihr bemerkt, es herrscht ein Muster © HBO
Aktuell bleibt so nur der schale und bittere Nachgeschmack, dass erneut einer Figur Gewalt angetan wurde, um den Zuschauer zu schocken. Und die bittere Erkenntnis, dass Gewalt in dieser Form von vielen Zuschauern scheinbar nicht als solche wahrgenommen wird, sondern zum reinen Unterhaltungszweck verkommt. Die Frage ist: wieviel Gewalt brauchen wir als Zuschauer, und wieviel Gewalt kann man verkraften? Brauchen wir solche Darstellungen, damit unser Sonntagabend ein bisschen mehr Pepp bekommt? Ich persönlich würde mir im Falle weiterer Vergewaltigungen innerhalb der Serie eine Triggerwarnung vor der jeweiligen Folge wünschen. Denn wenn man sich erst einmal über das Totschlagargument „wenn dir das bisschen Sex zu viel ist, dann schau halt was anderes“ hinaus ist, dann ist dies durchaus eine Auseinandersetzung mit der eigenen Moral, den eigenen Bedürfnissen, der man sich stellen kann und sollte. Denn so wie es aussieht ist nicht anzunehmen, dass die Schreiber der Serie aus dem bisherigen, unschönen Umgang mit dem Thema etwas lernen werden. Oder schlimmer: sie lernen, entschließen aber im Sinne der Zuschauerzahlen, weiter solch niedere Triebe zu befriedigen. Und so wie ich mich kenne, werde ich, wenn auch mit Magenschmerzen, die Serie weiter verfolgen. Denn wer weiß, vielleicht gibt es eine Überraschung, vielleicht lernt jemand dazu und vielleicht werden die primären Schauwerte irgendwann nicht mehr aus nackter Haut und eindrucksvoller CGI bestehen.

Kommentare:

  1. Ich gebe dir vollkommen recht. Ich habe auch ein sehr bitteren Nachgeschmack nach der Episode gehabt. Ich wünschte ich hätte die Courage, aufzuhören die Serie zu schauen. Denn deine Aufgeführten Punkte stimmen alle. Es war schon immer schwierig Kritik an Filmen und Serien in der Richtung zu verteidigen, da sich immer einige persönlich angegriffen fühlen. Mein Eindruck war, das die Schreiber nach der dritten Staffel den Anteil an Sex zurück gedreht haben, da es in der zweiten Staffel schon sehr ausuferte. Seit in dieser Staffel das Niveau der Handlungsstränge sinkt, steigen die sinnfreien Schock Momente. Auch wurde in Zeiten von den IS Enthauptungsvideos nicht darauf verzichtet, mit der Kamera auf eine Enthauptung zu halten. Vielleicht sollten die Macher begreifen, welche Verantwortung sie haben und das sie auch kritisch reflektieren müssen, wie weit sie gehen dürfen.

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    1. Ich hatte mich in der dritten Staffel z.B. sehr darüber gefreut, dass Ros auf einmal wichtig wurde und angezogen war. Aber dann musste man sie ja aus der Serie kicken. Da kursieren auch allerhand Gerüchte, dass sie nur geflogen ist weil sie nicht die ganze Zeit nackt sein wollte.

      Leider war ja jetzt auch die neue Folge wieder ein Reinfall, es wurde *nichts* aufgearbeitet, es hatte *null* Einfluss, es ist sogar noch schlimmer geworden. Ich bin da echt unglücklich. Irgendwas ist da ganz massiv aus dem Takt gegangen.

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  2. "Der Fachbegriff für diesen Vorgang ist übrigens „fridging“..." ahahaha!

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    1. Wieder was gelernt, nich wahr? :D Ich musste irgendwie an diesen seltsamen vierten Teil von "Indiana Jones" denken. Diese verdammten Kühlschränke aber auch immer.

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